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Wissen, wie sich Krisen anfühlen

Zukunftsforscher Tristan Horx im Interview.

Tristan Horx ist mit der Zukunftsforschung aufgewachsen. In seinen Vorträgen und Gesprächen mit den Gästen im Podcast „Treffpunkt Zukunft“ sowie als Kommentator der Kronen Zeitung setzt er sich mit den Konsequenzen der Covid-19-Krise für Gesellschaft und Welt auseinander. 

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Aus Corona lernen

Herr Horx, wenn man sieht, was ein paar Wochen Stillstand durch die Coronakrise mit unserer Wirtschaft anrichten, könnte man zum Schluss kommen, dass unser gesamtes Wirtschaftssystem eine Fehlentwicklung ist. Was können wir daraus lernen?
Die Coronakrise ist wie eine große Lupe, durch die man die großen Probleme und Fehler verstärkt erkennt. Dass wir nicht einmal kurz den Pausenknopf drücken können, heißt ja, dass wir in einem endlosen Vorwärtsmomentum waren. Wir können das vielleicht überhaupt wie eine Generalprobe für eine echte Krise verstehen. Also mit einer echten Krise meine ich beispielsweise eine Klimakrise, die ja auch eine Flüchtlingskrise und eine Wirtschaftskrise mit einschließen würde. Aus Corona können wir sehr viel lernen, weil Krisen dadurch für uns alle nicht mehr abstrakt sind. Wir wissen jetzt, wie sich das persönlich, individuell im Alltag anfühlt. Und unter Umständen wollen wir ja solche Umbrüche in Zukunft vermeiden.

Schon vor Corona ging es um Verteilungs(un)gerechtigkeit. Lassen sich mit dem „Neustart“ der Wirtschaft Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern, zwischen jung und alt, arm und reich beheben?
Die Coronakrise hat diese Ungleichheiten sehr schön gezeigt, zum Beispiel anhand der systemrelevanten Berufe. Die waren ja außerhalb der Krisenzeit de facto unsichtbar. Und jetzt gerade merken wir außerdem, dass die große Gruppe der Frauen die Gesellschaft am Leben erhalten hat. Insofern ist das auch immer eine Frage des Gesellschaftsbildes: Können wir als Gesellschaft aus solchen Krisen lernen oder nicht? Ich gehe davon aus, dass wir das können. Sonst gäb’s die Menschheit heute längst nicht mehr. 

Zurück zum Minimalismus



Tristan Horx
ist Sprecher und Autor am Zukunftsinstitut in Frankfurt und Wien. Seine Schwerpunktthemen sind Mobilität, Digitalisierung und Globalisierung. Er befasst sich mit dem gesellschaftlichen Wandel und dem, was den Generationen X, Y und Z folgen wird. Seit 2018 ist er Dozent an der SRH Hochschule Heidelberg und seit 2019 Kolumnist bei der Kronen Zeitung. Der Sohn der bekannten Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx und Oona Horx-Strathern wurde 1993 geboren.

Es gab auch schon vor Corona immer mehr „Minimalisten“, die bewusst auf einen Großteil dessen verzichten, was nicht lebensnotwendig ist. Ist das mehr als eine Laune des Marktes?
Es ist eine Laune des Individuums, das ist das Spannende. Schon vor der Coronakrise wurden die überhitzten Konsumstrukturen auch auf individueller Ebene hinterfragt. Und im Lockdown wurden die Leute gefragt, was sie am meisten vermissen. Das waren: ihre Freunde und ihre Nächsten, also der menschliche Austausch. Da haben nur sehr wenige von Konsum gesprochen. In der Umfrage wurde auch gefragt, was sie am meisten überrascht hat. Und da kam raus: wie wenig man eigentlich braucht. Das heißt, unter Umständen sind Bewegungen wie Minimalismus, Achtsamkeit usw. durch die Krise mehrheitstauglich geworden. Der große Unterschied ist, dass wir das jetzt alles persönlich erlebt und mitgemacht haben. So spürt man erst auch die Vorteile.

Seit ein paar Jahren ist vor allem im Nahrungsmittelbereich ein Trend zur Regionalisierung feststellbar. Gemüsemärkte erleben einen regelrechten Boom. Haben Globalisierung und Digitalisierung damit einen Rückwärtsgang eingelegt?
Wir alle fühlten instinktiv: Wenn alles „made in China“ ist, dann kann das für die Umwelt, aber auch für das Gesamtsystem nicht gut sein. Die Regionalität ist ein Gewinner der Coronakrise, weil wir gelernt oder gesehen haben, wie fragil diese globalen Wertschöpfungsketten sind. Das, was wir schon vor Corona im Bereich Ernährung gesehen haben, verschiebt sich jetzt auch auf andere Bereiche. Also insofern sehe ich für das Regionale gute Perspektiven. Aber man darf nicht den Fehler machen zu denken, jetzt vertschüssen wir uns wieder alle zurück in die Nationalstaaten und die Hyperregion. Durch Digitalisierung und durch Mobilität sind regional und global ja längst kein Widerspruch mehr.

Schon vor 45 Jahren hieß diese Form des Wirtschaftens bei Ernst Friedrich Schumacher „Small is beautiful“. Heute sagen Minimalisten „be more with less“. Gibt es für Sie einen Indikator, warum sich das minimalistische Denken heute endlich durchsetzen könnte?
Ich glaube, der tragende Unterschied zur alten Entschleunigungsbewegung vor 40 Jahren war, dass wir damals in einem starken ökonomischen Wachstum waren. Man hatte das Gefühl, wenn man nicht mitmacht und es einem dann vielleicht doch nicht gefällt, dann haben einen die anderen überholt. Dieser Effekt ist jetzt nicht mehr gegeben, weil alle gleichzeitig entschleunigen. Es ist eine kollektive Erfahrung. Man ist kein Außenseiter mehr.

Sehen Sie auch einen Gegentrend dazu? Dass die Menschen etwa aus dem unfreiwilligen Verzicht der vergangenen Monate heraus nun einen ungeahnten Kaufrausch erleben?
Die Shoppingcenter waren schon vor der Coronakrise am Sterben und werden auch jetzt weniger werden. Da bin ich relativ sicher. Trotz des Faktums, dass viele Leute während des Shutdowns online bestellt haben, sind die Amazon-Bestellungen insgesamt nach unten gegangen, weil die Leute dort nur mehr „Necesseties“ kaufen. Dieses Rückbesinnen auf „was brauche ich wirklich“, wird auch dazu führen, dass man das Einkaufserlebnis wieder schätzen lernen wird.

Ökologische Bewegung als Gewinner

Noch basiert der Großteil unseres Konsums auf künstlich geschaffenen Bedürfnissen. Wenn der Trend in Richtung „weniger ist mehr“ geht: Was heißt das für die Zukunft der Markenindustrie, die eigentlich zur Gänze auf künstlich geschaffenen Bedürfnissen aufbaut?
Marken, in deren Assoziationen mehr auf Wohlstand, als auf Funktionalität geachtet wurde, haben, glaub ich, ein Problem. Ein Thema, das sich über alle Industrie- und Businessfelder ergibt, ist dass diese Krise ein Dekadenzfilter ist. Und manche Marken leben ihr Markensymbol einfach nur von der Dekadenz. Das ist natürlich in einer Wirtschaft nach einer Krise weniger gefragt.

Junge Menschen leben uns eindrucksvoll vor, dass „haben“ nicht so wichtig ist und dass es auch mit Mieten, Ausleihen und „Sharen“ möglich ist, komfortabel zu leben. Denken Sie, dass Besitztum ein Auslaufmodell ist?
Wir nennen das „Access“, und das ist zu einem gewissen Grad der neue Zugang zu Statussymbolen. Das merkt man immer auch an der Autofrage ganz stark. Nach dem Zweiten Weltkrieg war ein Auto zu besitzen mit einem Freiheitsgefühl verbunden. In oder nach einer Krise gibt es immer auch einen Reflex zurück zum Besitzen, weil nur das wirklich sicher ist. Grundsätzlich teile ich aber die Einschätzung, dass Besitz im Vergleich zum Zugang nicht mehr so interessant ist. Der große Gewinner am Ende dieser Krise wird natürlich die ökologische Bewegung sein. Gerade in dem Zusammenhang: Ökologie als Statussymbol in Kombination mit Sharing. Da steckt sehr viel synergetisches Potential drinnen

Sie sagen, das abflachende Wirtschaftswachstum schafft Möglichkeiten für Wirtschaftstreibende, sich neu zu definieren. Wo sehen Sie die größten Möglichkeiten?
Das große Muss sehe ich im Tourismusbereich. Das muss ich den Salzburgern nicht erzählen, dass es im Tagestourismus schön langsam so überhitzt und so pervers geworden ist, dass die Anrainer und die Touristen sich unter Umständen nicht mehr sonderlich gemocht haben. Das ist eine spannende Chance für eine Kurskorrektur in dem Sinne, dass Touristen nicht mehr nur an Orte gehen, um dort gewesen zu sein und sie abzufotografieren, sondern dass sie wirklich in Austausch mit den Menschen, mit Kultur und Natur gehen können.