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VON DEN BÄUMEN LERNEN

„Baumversteher“ Erwin Thoma im Interview

Der Forst- und Betriebswirt hat mit seiner leimfreien Holzbauweise Holz100 – einem Weltpatent – bisher über 2.000 Holzbauten in rund 30 Ländern errichtet. Er hält regelmäßig Vorträge und veröffentlichte bereits neun Bücher. Das jüngste ist „Strategien der Natur“. 

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Blick ins jetzt


 

Erwin Thoma, die Sorge um unsere Umwelt und den Bestand der Menschheit scheint in der Gesellschaft angekommen zu sein. Oder ist das nur ein Trend?
Ich glaube, dass wir als Zivilisation in eine existenzielle Krise geraten sind, die weit über einen Trend hinausgeht. In weiten Bereichen wollen wir es aber noch nicht wahr haben. Mit unserer Weltsicht, dass wir alles immer mehr zerlegen und zerteilen, die Erde und den Menschen als Maschine begreifen, den Organismus und das Leben in Zahlenreihen fassen wollen, kommen wir aber nicht mehr weiter.

Was ist unser Grundproblem?
Unser Problem ist, dass wir uns vom Leben an sich entfernt haben. In anderen Ökosystemen bleibt jeder Akteur nur dann übrig, wenn sein Tun dem Leben als Ganzes dient. In unserem Wertesystem bleibt derjenige übrig, der am meisten Geld und Macht kumuliert. Und das ist per se lebensfeindlich. Ein Bewusstsein für die Umwelt gibt es schon sehr lange. Ich denke an das AKW-Volksbegehren und die Besetzung der Hainburger Au.

Warum setzt sich das nicht stärker durch?
Weil in unseren Köpfen Geschichten fest verankert sind, mit denen wir uns die Wirklichkeit erklären. Heute geht es um folgende Geschichte: Die Wirtschaft muss ständig wachsen, sonst geht es uns nicht gut. Ewig exponentielles Wachstum ist aber wie eine Krebszelle, und die beschränkt sich irgendwann nur noch auf die Zerstörung des Trägersystems.

Du sagst, wenn es um Überlebensstrategien geht, sollen wir uns an den Bäumen ein Beispiel nehmen. Was ist deren wichtigste Strategie?
Der Baum ist ein scheinbar hirn- und intelligenzloses Lebewesen. Und trotzdem tut er alles, damit der Humus bereichert wird, er reinigt das Wasser und die Luft. Jeder Baum verfolgt sein ganzes Leben als einziges Ziel, die Grundlagen für seine Nachkommen zu sichern oder zu verbessern. Wenn man sich dieses Bild aus der Natur nimmt, merkt man, wie krank unsere Existenz ist, in der es nur darum geht, Geld und Macht zu haben. 

Blick in die Zukunft

Läuft die aktuelle Diskussion um den Klimaschutz in die richtige Richtung? Geht es tatsächlich ums Plastiksackerl, das E-Auto, die Kreuzfahrt und die Flugreise?
Ich finde E-Autos toll. Aber wenn man glaubt, man kann mit E-Autos allein die Welt retten, ist das ein völliger Unsinn. Man muss sich nur die Statistik ansehen: Die gesamte Bauwirtschaft, also das Herstellen der Baustoffe, das Bauen und Betreiben der Häuser verbraucht weltweit mehr als 50 Prozent unserer Energie und verursacht mehr als 50 Prozent des CO2-Ausstoßes. Der gesamte Verkehrssektor liegt bei 15 bis 22 Prozent. Da sind Flugverkehr, Schiffe und Schwerverkehr enthalten. Der Anteil des PKW-Verkehrs alleine liegt bei nur ein bis zwei Prozent. Wenn ich nur ein Prozent eines Problems ändere, hab ich aber das Problem nicht gelöst. 

Wo ist da der Ausweg?
Wir werden unsere Probleme grundsätzlich nicht lösen, wenn wir immer nur quantitativ debattieren. Es geht um eine Haltungsänderung. Debatten um Strohhalme oder Plastiksackerl will ich gar nicht schlechtreden. Nur wird das an unseren Zukunftsaufgaben nichts Substanzielles ändern. Ein Forscher hat gesagt, dass er sich um die „Umwelt“ keine Sorge macht. Nur der Mensch wird eher nicht überleben. Das ist meine Rede. Auch der Wald wird überleben. Er hat eine unglaubliche Reproduktionskraft, ist unglaublich elastisch. Man muss sich nur die Bilder aus atomar verseuchten Regionen nach Reaktorunfällen in Tschernobyl oder Fukushima anschauen. Da ist heute alles dicht bewaldet. Aber um unsere Kinder und Enkelkinder sollten wir uns wirklich Gedanken machen. 

Strategien der Natur


Mittlerweile ist das neunte Erwin Thoma-Buch erschienen: „Strategien der Natur“. Warum haben uns ausgerechnet Bäume so viel zu sagen?
Egal, womit du dich in der Natur beschäftigst, mit Bäumen, Flüssen oder Hummeln: Irgendwann landest du immer bei der Beschäftigung mit dem Leben an sich. Wie verhält sich ein Baum in der Logistik der Erde, wie betreibt er seine Materialwirtschaft, welche sozialen Bindungen geht er ein, wie kommuniziert er. 

Der Wald lebt uns das richtige Wirtschaftssystem vor und er hat auch das Internet erfunden?
Das wissen alle Biologen, die sich damit auseinandersetzen. Ich nenne es scherzhaft das www – wood wide web. Im Wald sind alle Bäume miteinander vernetzt und kommunizieren nachweisbar miteinander. Das geht über das Mycel-Fadensystem der Pilze im Waldboden. Wird einem Baum das Wasser knapp, teilt er das mit Hilfe biochemischer Stoffe über dieses System mit. Aus der forstlichen Forschung weiß man heute, dass ein Wald daraufhin beginnt, den Wettbewerb zurückzudrehen, um gemeinsam Wasser zu sparen. 

Was ist also die wichtigste Strategie der Bäume?
Sie haben vollkommen verinnerlicht, dass sie ihre Lebensaufgaben besser zusammen verwirklichen können. Bäume haben zwar einen Wettbewerb, wenn sie jung sind, aber sobald sie ihren Platz im Wald haben, sind sie sprichwörtlich brüderlicher als sonst etwas auf der Welt. Sie bewältigen das Leben gemeinsam. 

Das Unternehmen Thoma Holz

"Thoma Holz" kennt man für zu 100 Prozent mechanisch verbundenes Mondholz. Was bietet ihr konkret an?
Wir projektieren und entwickeln Konzepte für Häuser, die vollkommen energieautark und abfallfrei sind, also wiederverwertbar. Außerdem gesünder und langlebiger als alle bisherigen Bausubstanzen. Unser zweites Standbein ist die Produktionsfirma, welche den Bausatz für all diese Häuser fertigt. Das alles für Wohnhäuser ebenso wie für Büros, Universitäten oder etwa Krankenhäuser. Eines der größeren Projekte der Vergangenheit war die Stadtverwaltung für die niederländische Stadt Venlo mit elf Geschoßen oder eine Universität in Moskau.

Ihr habt die bislang einzige Cradle to Cradle-Gold-Zertifizierung für ein Baumaterial erhalten. Ist Kreislaufwirtschaft ein so wichtiges Thema?
Wir haben auf der Erde zwei Möglichkeiten: Wegwerfwirtschaft oder Kreislaufwirtschaft. Zurzeit räumen wir der Welt einfach alle Rohstoffe und Materialien aus und machen daraus Wegwerfprodukte, um dann festzustellen, dass die Rohstoffe zur Neige gehen. Daran sieht man, wie unintelligent und steinzeitlich wir heute agieren. Dabei können wir längst nicht nur Häuser, sondern auch Elektrogeräte oder Autos so bauen, dass sie zu 100 Prozent wiederverwertet werden können. Unser Problem ist kein technisches, sondern einzig allein eines der Haltung zum Leben.

Erfahre mehr über Erwin Thoma und nachhaltiges Wohnen mit Holz unter: thoma.at.