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Nachhaltig aus der Krise

Die neue Art des Wirtschaftens.

Die Coronakrise hat unseren Umgang mit dem Thema Nachhaltigkeit verändert. Immer mehr Unternehmer sehen darin eine Chance für eine neue Art des Wirtschaftens. Das zeigen die Beispiele von Roman Blaschke, Constanze Gehmacher und Werner Brunner.

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Der Umröster

 

 

Nach 29 Jahren als Finanzberater hat Werner Brunner seinen Job an den Nagel gehängt und 2017 sein eigenes Unternehmen, die Herr Werner Rösterei, gegründet.

Vom Finanzbeamten zum Kafferöster

 

 

 

Bei einem befreundeten Kaffeeröster aus Bayern hatte Werner Brunner seine Leidenschaft für die braunen Bohnen entdeckt. „Gott sei Dank gab es den geeigneten Moment, zu dem ich den Mut hatte, aus dem sicheren Job auszusteigen. Und zum Glück wusste ich damals nicht, was auf dem hart umkämpften Kaffeemarkt auf mich zukommt. Ich kam ja aus einem ganz anderen Bereich.“

Aller Schwierigkeiten zum Trotz geht der Oberalmer mit der eigenen Marke „Herr Werner“ keine Kompromisse ein. Den zu 100 Prozent fair gehandelten Bio-Rohkaffee bezieht er über Hamburg von einer Kaffeebäuerin seines Vertrauens. Diesen erhält er zu Kilopreisen, zu denen Industriekaffeesorten sonst oft schon fertig geröstet im Verkaufsregal stehen. Aber erst in den Händen des Rösters wird Kaffee zu einem unverwechselbaren Produkt, denn auch nur eine Minute länger oder kürzer rösten kann viel verändern, davon ist Werner Brunner überzeugt. 

Brennen fürs Rösten

In unserem Land der Kaffeetrinker und Kaffeehausbesucher gibt es immer mehr, die lieber etwas weniger, dafür hochwertigeren Kaffee trinken. Darunter sind besonders viele junge Menschen, was nicht verwundert. Seit der „Fridays for Future“-Bewegung verbreitet sich das Motto „Ohne Nachhaltigkeit keine Zukunft“ ausgehend von der ganz jungen Generation über alle Bevölkerungsschichten.

Das bestätigt etwa auch die alljährliche Umfrage zu Österreichs stärksten Marken, die mitten in der Coronakrise durchgeführt wurde: Werte wie Nachhaltigkeit, Verantwortung, Zuverlässigkeit und Regionalität gewinnen im Ranking an Bedeutung. Jene Konsumenten, die mit Nachhaltigkeit nur Fortschrittsverweigerung und unnötige Mehrkosten verbinden, werden deutlich weniger.

Mit Mission - ohne Emission


 


Zu den außergewöhnlichen Charakterkaffees, die Herr Werner zuhause in Oberalm im gusseisernen Trommelröster entwickelt, kommen auch immer neue Vermarktungsideen hinzu: Zur Festspielzeit steht er mit einer alten Gondel der Jenner-Bergbahn vor dem Schüttkasten mit dem Kartenbüro der Salzburger Festspiele. Auch mit Seminaren und Kaffeegesprächen auf Facebook will er die Menschen auf den Geschmack einer anderen Genusskultur bringen.

Mit der Coronakrise brach der Kaffeeabsatz in Delikatessenläden und Hotels ein. Gleichzeitig stieg jedoch das Interesse der Privatkunden an, die im Internet auf Werner Brunner aufmerksam geworden waren. Er meinte, dass das Feedback, das er dadurch erhielt ihm Rückenwind gab und dass auch so die Idee mit einer emissionsfreien Kaffeezustellung entstand und er sich dadurch ein E-Lastenrad anschaffte. Irgendwann soll es auch einmal einen eigenen Coffeeshop geben, weil Werner Brunner der direkte Kontakt zu seinen Kunden seit dem Lockdown so wichtig geworden ist. 

Die kleine Kosmo-Politin

Seit der Coronakrise stellen Zukunftsforscher immer lauter die Frage nach dem Zweck des Wirtschaftens: Ist ständiges Wachstum und immer mehr Profit noch zeitgemäß? Oder muss es längst um ein neues System gehen, das sozial und ökologisch nachhaltige Werte in den Mittelpunkt stellt? Nach diesem Prinzip funktioniert Constanze Gehmachers The Little Guesthouse in Salzburg-Aigen seit zwei Jahren. 


Neue Tourismus-Ideen aus Südafrika

Die Gastgeberin führt das Haus mit nur elf Zimmern nicht als typisches Hotel, sondern als Gästehaus. Die Idee stammt aus Kapstadt, wo sie mit ihrer Familie sieben Jahre lang lebte. Dort entscheiden sich viele Urlauber nicht für ein anonymes Kettenhotel, sondern für eines der vielen gemütlichen Guesthouses.

Das wollte Constanze Gehmacher auch in Salzburg verwirklichen, indem sie versucht sich vom Standard-Hotelangebot abzuheben und großen Wert auf Service und Flexibilität legt. Außerdem will sie den Gästen ihr persönliches Salzburg näherbringen. Dies kann auch bedeuten, dass sie ihnen abrät im Sommer nach Hallstatt zu fahren. Im Endeffekt schätzen laut ihr Gäste solche Tipps sehr.

Gute Noten


 

Nicht ohne Grund hat das „Little Guesthouse“ auf booking.com und auf Tripadvisor Noten, an die klassische Salzburger Hotels nur schwer herankommen. Menschen, die auf der Suche nach einer Gegenwelt zu ihrem komplexen, hochtechnisierten und reizüberfluteten Alltag sind, fühlen sich in dem bodenständigen und unkomplizierten Urlaubszuhause gut aufgehoben.

Die Coronakrise traf den Städtetourismus und die Hotellerie mit voller Wucht. Für Constanze Gehmacher war es emotional und auch wirtschaftlich das Heftigste, was sie in ihrer Tourismuskarriere bisher erlebt hatte. Eine nach der anderen Buchung wurde storniert. Zweieinhalb Monate lang gab es null Umsatz. Für das laufende Jahr ist mit einem Minus von 50 bis 60 Prozent bei den Einnahmen zu rechnen.

Positiv fand sie jedoch die Möglichkeit, einmal durchzuatmen und „raus aus der Box“ zu denken: „Man hat immer gesagt, unser Wirtschaftssystem kann so nicht weiterlaufen. Und jetzt ist es passiert. Viele sind demütiger geworden und haben festgestellt, dass sie mit viel weniger Dingen auskommen. Das hat auch Tempo aus der Tourismusbranche herausgenommen. Dass nichts sofort und auf der Stelle sein muss, hab ich sehr genossen und möchte ich auch beibehalten. Und dass nicht alles selbstverständlich ist, finde ich eine ganz wichtige Erkenntnis, vor allem auch für unsere Kinder.“ 

Der Einkocher

Werte wie Nachhaltigkeit, Verantwortung, Zuverlässigkeit und Regionalität werden bei den Konsumenten immer wichtiger. Bei vielen Unternehmern rücken gleichzeitig Nachhaltigkeit und unternehmerische Selbstbestimmung an die Stelle von Gewinnmaximierung. So auch bei Roman Blaschke, den seine Kinder vor Jahren auf eine neue Geschäftsidee brachten und er somit sein Unternehmen Paulina P. - The freshtural food company gründete. 

Nachhaltig und selbstbestimmt aus der Krise

Die fünf Kinder des Kochs und Caterers Roman Blaschke kamen zu unterschiedlichen Zeiten hungrig von der Schule nach Hause – und jedes hatte Gusto auf etwas anderes. Also kochte Papa Roman vor und portionierte die Gerichte, damit sie unkompliziert aufgewärmt werden konnten. Die kulinarische Vielfalt im Hause Blaschke beeindruckte Schulfreunde, die zu Besuch waren. Schon bald wollten deren Eltern seine vorgekochten Gerichte kaufen.

Ans Eingemachte


 

Für den experimentierfreudigen Koch ging es damit ans „Eingemachte“, also das Konservieren der Speisen. Sterilisieren kam für ihn nicht infrage, weil damit wichtige Inhaltsstoffe und Geschmack verloren gehen. In Zusammenarbeit mit dem Salzburger Labor für Lebensmitteluntersuchung Analytec gelang es, die Speisen mit natürlichen Konservierungsmitteln wie Salz und Zucker über ein Jahr haltbar zu machen. Und seit mittlerweile drei Jahren vertreibt Roman Blaschke unter dem Markennamen Paulina B. online und über Automaten mehr als 50 gesunde und nachhaltige Mahlzeiten im Glas. Sein Markenzeichen sind Gerichte, die nicht nach Fertigprodukt schmecken – und die es so am Markt nicht gibt: ob Thai Chicken, Sweet Yellow Ananas Curry, Kokosmilchreis oder ein herzhaftes Erdäpfelgulasch.

Die Coronakrise setzte das klassische Cateringgeschäft bei ihm für ein halbes Jahr auf null. Dass sich das Wirtschaften insgesamt grundlegend ändern wird, ist für ihn sicher – „und das nicht nur zum Negativen. Das unnatürliche Wirtschaftswachstum korrigiert sich alle paar Jahre fast wie von selbst. Man denke nur zurück an die Weltfinanzkrise von 2008.“

"Roman Empire"

Er fand positiv, dass man während des Lockdowns wieder ein bisschen kreativ sein konnte. Auch er holte einiges hervor, was schon Jahre in der Schublade lag. So entstanden in der Coronazeit bei Paulina B. der Infusionsyrup als neues Produkt und ein Projekt, mit dem er den Personalmarkt für Gastronomie, Event und Tourismus „aufräumen“ will.

Für Unternehmer wie Roman Blaschke ist es wichtig, das eigene Konzept immer wieder zu hinterfragen, an die aktuellen Erfordernisse anzupassen oder ganz neu zu erfinden. Damit stellt man nicht das unternehmerische Wachstum grundsätzlich infrage, sondern wie das eigene Unternehmen wächst: nämlich qualitativ und auf Basis von persönlichen Entscheidungen.